Querdenker – der Versuch einer Analyse

Heute einmal ein komplett anderes Thema. Aber es treiben einen ja auch verschiedene Sachen um.

Querdenker (und in diese Gruppe gehören für mich auch QAnon-Anhänger, Esoteriker und allgemein Verschwörungstheoretiker, mit unterschiedlichem Gefahrenpotential) üben schon lange eine gewisse Faszination auf mich aus. Ich frage mich, wie Menschen, die in unserem Bildungssystem groß geworden sind, völlig unkritisch den Thesen eines oder weniger Marktschreier Glauben schenken können, ihnen folgen und alles andere ohne Diskussionsbereitschaft komplett ablehnen.

Nach einigen in letzter Zeit erfolgten, äußerst deprimierenden Erfahrungen mit solchen Leuten möchte ich eine Analyse versuchen.

1) Folgen Querdenker wissenschaftlichen Prinzipien?

Als Physiker habe ich in meiner Ausbildung natürlich auch die Grundlagen wissenschaftlicher Forschung kennengelernt. Karl Popper mit seiner „Logik der Forschung“ ist da eine gute Grundlage. Er hat z.B. über die „Falsifizierbarkeit“ von Theorien geschrieben, was unangenehmerweise nichts anderes bedeutet, als das eine Theorie in der Lage sein muss, Voraussagen zu machen, die überprüfbar sind. Ansonsten ist es keine wissenschaftliche Theorie – jedenfalls nach Popper und auch nach meiner Meinung.

Ein weiteres Element von Theorien ist, dass Zusammenhänge erkannt werden, also Ursache – Wirkungsprinzipien aufgestellt werden.

Während Esoteriker und QAnon-Anhänger gleich ganz darauf verzichten, Zusammenhänge erklären oder gar etwas aus ihren Theorien ableiten zu wollen, berufen sich Querdenker durchaus darauf, Wissenschaft anzuerkennen. Es wären nur immer wieder die falschen Daten, die öffentlich gemacht werden. Sie suchen sich also passende Daten und leiten daraus ab, dass ihre Thesen stimmen. Das Herangehen klingt vielleicht etwas voreingenommen, aber zumindest nicht komplett schwachsinnig.

Nehmen wir uns mal ein Beispiel, hier Daten mit der Quelle Robert-Koch-Institut vom 19. / 20.8.2021. Zum einen haben wir die Impfquote aufgeschlüsselt nach Bundesländern, zum anderen die Inzidenzzahlen der Kreise. Man erkennt eine Korrelation: die Bereiche mit den höchsten Inzidenzen weisen die höchsten Impfquoten auf. Das ist durchaus so nicht erwartet. Den Querdenkern reicht dies völlig aus: seht ihr, Impfen ist gefährlich. Je mehr geimpft wird, um so höher die Inzidenz!

RKI-Daten zur Coronalage in Deutschland
Und hier die Impfquoten (Erstimpfung)

Dieser Schluss hat jedoch mit wissenschaftlicher Herangehensweise gar nichts zu tun. Eine Korrelation bedeutet nicht, das ein Kausalzusammenhang besteht. Zunächst müsste geprüft werden, ob diese Korrelation statistisch signifikant oder schlicht zufällig ist. Zum zweiten, sofern eine statistische Signifikanz gegeben ist, müssen die möglichen Zusammenhänge geprüft werden. Es gibt ja durchaus andere Deutungsmöglichkeiten für diesen Zusammenhang: das Verhalten der Leute in den Bundesländern bezüglich Kontakten ist unterschiedlich, die Regeln zur Kontaktbeschränkung sind unterschiedlich, geimpfte Leute sind sorgloser im Umgang mit Kontakten usw. Das Impfen schädlich ist bzw. die Inzidenz erhöht ist nur eine, und zwar aufgrund der sonstigen Erkenntnisse zum Impfen und zum Impfschutz reichlich unwahrscheinliche Deutungsmöglichkeit.

Wir halten fest: die angebliche durch Fakten belegbare Auffassung der Querdenker ist ein vorgeschobenes Argument und bei näherer Betrachtung nicht glaubwürdig. Wissenschaftliche Ansätze interessieren Querdenker nicht.

2) Alle lügen, nur wir nicht

Ein immer wiederkehrendes Argument der Querdenker ist, dass die in den Medien verbreiteten und zugänglichen Informationen gefälscht sind und wir desinformiert werden. Die einzige Wahrheit findet sich nur in den entsprechenden Foren der Querdenker.

Es ist für mich äußerst erstaunlich, dass Leute, denen man sagt, seriösen Quellen ist nicht zu trauen, sofort bereit sind, unseriösen Quellen ihr Vertrauen zu schenken. Tatsächlich ist das aber der Fall. Und dadurch kommen diese Leute in eine Blase von Falschbehauptungen, Unwahrheiten, geschönten und geänderten Fakten und erfundenen Geschichten, die bedingungslos geglaubt werden, da sie innerhalb der Community immer wiederholt werden und die Leute sich hierdurch gegenseitig bestärken. Klingelt da was? Wir haben mal etwas über Sekten gelernt…

Selbst offensichtliche Unwahrheiten werden weiter verbreitet, so zum Beispiel die Geschichte, dass an der spanischen Grippe nur deshalb so viele Leute gestorben sind, weil sie geimpft wurden. Dabei gab es 1918/1919 noch keine Grippeimpfungen (s. https://correctiv.org/faktencheck/2020/12/04/es-gab-keinen-impfstoff-gegen-die-spanische-grippe-1918-daher-konnte-niemand-an-einer-impfung-sterben/). Aber wenn man einfach sagt, die lügen, natürlich gab es einen Impfstoff, und der hat die Menschen gekillt, dann wird wieder ein Schuh draus. Alle lügen, nur wir nicht, ist ein logischer Hamsterkäfig, ein geschlossenes System.

3) Ihr diskutiert gar nicht mit uns

Sagen nicht wir über die Querdenker, sondern sie über uns. Ich musste feststellen, dass man auch bei bestem Willen mit Querdenkern nicht in eine Diskussion einsteigen kann. Sobald man eine Meinung außerhalb ihrer Blase vertritt, wird man damit konfrontiert, dass man sich ihre Argumente nicht anhört, Unwahrheiten verbreitet und von den bösen Medien sowieso indoktriniert ist und besser mal da und dort die geheimen Informationen von den Querdenker-Foren einholen sollte. Man kommt absolut nicht dazu, sachlich Argumente auszutauschen. Das Beharren auf der eigenen Position ist zwar beidseitig, jedoch ist auf der Querdenkerseite kein Wille erkennbar, sich mit der Analyse von Fakten bezüglich „richtig“ und „falsch“ zu beschäftigen. Man schafft also den Einstieg in eine offene Diskussion nicht, mit der Folge, dass man beschimpft wird, nicht diskutieren zu wollen.

Eng damit verknüpft ist die Opferrolle, in die sich Querdenker gerne begeben. Ihr seid diejenigen, die uns nicht ernst nehmen, auf uns wird herumgehackt, wir dürfen unsere Meinung nicht äußern, wir sind doch die Opfer des Systems. Ich will mal vorsichtig sagen: das grundsätzliche Demokratieverständnis, das Mehrheiten gestattet, in gewissen Grenzen Regeln für alle zu definieren, aber Minderheiten natürlich genau solche Meinungsäußerungen erlaubt, scheint mir irgendwie unterentwickelt.

4) Was geht in Querdenkerköpfen vor?

Ich bin kein Psychologe. Außerdem kann man sicher nicht sagen, dass alle Querdenker gleich ticken und gleiche Motive haben. Mir scheint aber eine sehr verbreitete Eigenschaft die zu sein, dass sich eine Furcht vor unserer sehr komplex gewordenen Lebensweise entwickelt hat, verbunden damit, dass man keine Verantwortung für das eigene Tun übernehmen will. Das Querdenken ist hier eine Fluchtmöglichkeit. Obwohl der Begriff „Denken“ im Titel verwendet wird, passiert genau das Gegenteil: man schaltet das Denken aus und folgt vorgegebenen Bahnen. In einer komplexen Welt ist das einfacher und nimmt eine enorme Last der Überforderung von einem. Da wird einem gesagt, glaub nicht an den Klimawandel, glaub nicht an Corona, alles ist in Ordnung, lebe dein Leben wie vorher und sei sicher, du brauchst nichts ändern. Ist man einmal in dieser Komfortzone angekommen, dann will man da ja auch nicht wieder raus. Man steckt also viel Energie hinein, um auf seiner Position beharren zu können: Verweigerung einer Diskussion, Ablehnung von Vorgaben, die das Beibehalten des Status Quo gefährden, Abschalten des eigenen Verstandes, um nicht mit Widersprüchen konfrontiert zu werden.

Der letzte Punkt ist für mich der absolut traurigste an dieser Geschichte. Wir sollten unseren Verstand nutzen, statt unreflektiert Geschichtenerzählern zu folgen. Wenn man mit Verstand zu bewussten Entscheidungen kommt, so müssen das nicht für alle Leute die gleichen sein, aber dann hat man wenigstens eine Basis für Diskussionen und ist auch bereit, falsche Entscheidungen zu revidieren.

Viele, viele Querdenkerpositionen sind bei näherer Betrachtung nicht haltbar, falsch oder sogar erlogen. Von wegen, ihr lügt, und nur wir kennen die Wahrheit. Und das lässt sich bei Einschalten des eigenen Verstandes auch sehr gut herausfinden. Man muss es nur wollen und machen und dafür (leider) aus dem bequemen „alles-ist-gut-ihr-wollt-es-nur-mies-machen“-Sessel aufstehen. Es ist nicht die Dummheit der Querdenker, es ist ihre Trägheit und vielleicht auch ein gewisser Egoismus, und das macht es eigentlich eher schlimmer als besser.

5) Die Gefahren des „Querdenkens“

Die Menschheit steht vor großen Herausforderungen. Es wird nicht einfach sein, vielleicht sogar unmöglich, einer Bevölkerung von vielleicht 11 oder 12 Milliarden Menschen in der Spitze eine nachhaltige Lebensgrundlage auf der Erde zu verschaffen. Es lauern viele Gefahren: Klimakrise zusammen mit nachhaltiger Energiegewinnung, Seuchen, Rohstoffverbrauch, Schutz vor Cyberangriffen und vieles mehr. Wären wir beim Holzfeuer geblieben, dann hätten wir alle diese Probleme nicht. Aber der Geist ist aus der Flasche, und wir kriegen ihn nicht wieder rein. Wir müssen uns diesen Herausforderungen stellen, für unsere Kinder und Nachfahren. Und dabei brauchen wir jeden einzelnen Mitbürger. Wenn solche Dinge wie „Querdenken“ Überhand nehmen, dann wird es auf keinen Fall funktionieren. Der letzte überlebende Querdenker einer verseuchten Welt wird in dem Fall sein Leben mit den Worten aushauchen „Das träume ich nur, gleich wache ich wieder auf und alles ist gut. Ihr wolltet mich nur verarschen“.

So, dass musste mal raus. Falls das hier jemand liest, verlinkt es gerne, über eine Diskussion würde ich mich freuen. Allerdings bin ich hier Moderator und darf bestimmen, welche Kommentare erscheinen. Kritische lasse ich rein, solche unter der Gürtellinie nicht. Das ist hier keine demokratische Einrichtung, hier bestimme ich die Grenzen der Meinungsfreiheit selbst.

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